Der Reale Kampf
Viele Menschen sind der Meinung, dass die heutzutage gezeigten Veranstaltungskämpfe wie Käfigkämpfe, Boxkämpfe und Turniere vergleichbar seien mit realer Selbstverteidigung wie sie im Ernstfall benötigt wird.
Einige meiner Bekannten, die MMA betreiben, darunter auch ein ehemaliger Weltmeister, sind sich dessen sehr wohl bewusst und würden sich im Ernstfall nach ihren Aussagen auch anders verhalten. Zunächst sollte man sich darüber im Klaren sein, dass jemandem, der sich für eine solche Veranstaltung bewirbt, auch bewusst ist, was ihn dort erwarten wird. Man kann also davon ausgehen, dass sich (zumindest heute) zwei gut durchtrainierte und kampffähige Sportler gegenüberstehen, die sich jedoch aufgrund der hohen Verletzungsgefahr einem gewissen Regelwerk unterwerfen müssen, was im Hinblick auf eine faire sportliche Auseinandersetzung auch notwendig und richtig ist.
Leider wird der Angreifer auf der Straße nicht diese Einsicht haben und wohlmöglich mit den unfairsten Mitteln oder sogar mit Waffengewalt seine Absichten durchsetzen wollen. Erschwerend hinzu kommt noch die Tatsache, dass man es bei einem Angriff wahrscheinlich mit mehreren Gegnern zu tun hat, wie es ja heute üblich ist. Möglicherweise ist man in diesem Augenblick gerade körperlich nicht so fit wegen einer Grippe oder anderweitig gehandicapt, was sehr entscheidend für den Notfall sein wird. Diese und andere Faktoren sollte man nicht außer Acht lassen um effektive Selbstverteidigung durchzusetzen.
Empfehlenswert ist die Anwendung kurzer, schneller und effektiver Techniken. Man sollte möglichst sich bietende Gelegenheiten ausnutzen und überraschungsmomente ergreifen. Um den überblick zu behalten ist es weniger effektiv, sich einem Gegner zuzuwenden wenn man es mit mehreren zu tun hat. Vielmehr sollte man versuchen bei mehreren Gegnern sich selbst oder die Angreifer auf eine Flanke zu bringen, so dass man eine Angriffslinie schafft. In geschlossenen Räumen ist es ratsam, die Tür im Auge zu behalten und zu versuchen in aussichtslosen Situationen den Fluchtweg zu nehmen. Dies sind nur einige Verhaltens-Tipps, die man sich intuitiv antrainieren kann, so dass man im Ernstfall in der Lage ist, ohne vorherige überlegungen zu handeln. Eine genaue Wahrnehmung der Umgebung ist im realen Kampf lebenswichtig.
Der Bodenkampf eignet sich nicht gegen mehrere starke Gegner, vor allem dann nicht wenn diese zusätzlich noch bewaffnet sind.
Der Angreifer mit dem Messer
Es wird immer wieder vergessen, dass es sich hier um eine sehr gefährliche Waffe handelt. Bei einem solchen Angriff geht es um Leib und Leben, darüber sollte man sich klar sein, jeder kleinste Fehler und unvorhersehbare Ereignisse können hier den Tod bedeuten und dementsprechend sollte auch die Verteidigung sein. Ich empfehle meinen Schülern, einen solchen Konflikt zu vermeiden und sich der Gefahrensituation zu entziehen, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Das hat nichts mit Feigheit zu tun sondern mit Vernunft. Der wahre Kampfkunstmeister kämpft immer nur dann wenn er weiß, dass er gewinnt, so liest man es in den asiatischen Weisheiten.
Viele Kampfkunstlehrer zeigen Messerabwehren bei denen es sich um gestellte Situationen handelt und nur ein dummer oder unkontrollierter Angreifer wird sich so verhalten, wie es geübt wird. So ist es z.B. unwahrscheinlich, dass ein Angreifer nach einer Aktion verharrt sodass der Verteidiger viel Zeit hat und wunderschöne Technik- Serien nacheinander anwendet. Ich will nicht behaupten, dass es keine Messerabwehren gibt. Allerdings sind diese in einem realen Kampf nur sehr schwer durchzusetzen, vor allem wenn der Gegner es versteht, mit dem Messer umzugehen.
Ich möchte an dieser Stelle auf die Tatsache hinweisen wie gefährlich Messerverletzungen sind. Bei einem Blutvolumen von ca. 6 Liter Blut tritt bereits nach 1,5 Liter Blutverlust Durst- und Schwächegefühl auf, die Atmung beschleunigt sich, der Betroffene verspürt Angst, die Konzentration, Gleichgewicht sind stark beeinträchtigt. Ab 2 Litern Blutverlust fühlt man sich verwirrt, schwindelig und verliert schließlich das Bewusstsein. Danach tritt der Tod ein. Und dies ist der entscheidende Punkt: wie im Colosseum des alten Rom hunderte Jahre praktiziert, war der Kampf mit einer Klinge so gut wie immer tödlich.
Heutzutage werden spektakuläre Techniken mit komplizierten Bewegungsabläufen gezeigt, z. B. einen Messerstich mit dem Bong Sao abfangen und umzuleiten, drehen und etliche Aktionen folgen lassen. Dabei wird wohl auch in Kauf genommen, mal einen Ritzer abzubekommen, der ja nicht gefährlich ist, dank Tetanus-Impfung. Dies führt jedoch nur zu einem falschen Sicherheitsgefühl. Wenn man mit einer frischen Verwundung weiterkämpft wie oft gezeigt, wo zeitlich gesehen noch nicht mal die Blutgerinnung eintritt und dann durch erhöhte Pulsfrequenz das Blut schneller und stärker strömt ist der eigene Untergang sehr schnell vollzogen. Vor allem bei Verletzungen und Schnittwunden der Arterien die sich am gesamten Körper befinden auch an den Armen und Beinen, kann es bereits nach 30 sec. schon zu spät sein. Bei einem unvermeidbaren Kampf mit einem Messerangreifer sollte man sein Umfeld beobachten und Gegenstände wie Stuhl, Stock und dergleichen zu Hilfe nehmen. Auch solche Situationen sollten trainiert werden. Der eigene Schutz sollte hierbei wie immer im Vordergrund stehen.
Jörg Götzinger